Kaufhaus Tietz – Geschichte eines jüdischen Warenhausunternehmen

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Datum

01.01.1882 ‑ 01.01.1998

Beschreibung

Gründung und Entwicklung

Die Geschichte des Warenhausunternehmens Hermann Tietz begann im Jahr 1882 in Gera. Der jüdische Kaufmann Oscar Tietz eröffnete dort mit finanzieller Unterstützung seines Onkels Hermann Tietz ein Textilgeschäft. Aus Dankbarkeit benannte er das Unternehmen nach seinem Onkel.

Das Geschäft entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der bedeutendsten deutschen Warenhauskonzerne.

Oscar Tietz setzte auf ein damals neuartiges Verkaufsmodell mit festen Preisen, Barzahlung und einem großen Warenangebot. Das Unternehmen expandierte in zahlreiche deutsche Städte. 1894 eröffnete in München das erste eigentliche Warenhaus der Unternehmenslinie.

Die neuen Warenhäuser boten unterschiedliche Produkte unter einem Dach an. Große Gebäude mit repräsentativen Fassaden prägten zunehmend die Innenstädte und veränderten das Einkaufsverhalten. Die Warenhäuser wurden zu Symbolen wirtschaftlicher Modernisierung.

In Berlin eröffnete die Hermann Tietz OHG im Jahr 1900 ein Warenhaus in der Leipziger Straße. Weitere Häuser entstanden unter anderem am Alexanderplatz und an der Frankfurter Allee. 1926 übernahm das Unternehmen die Jandorf-Warenhäuser, darunter das KaDeWe.

Die Unternehmensgruppe verfügte schließlich nicht nur über Warenhäuser, sondern auch über zahlreiche Grundstücks-, Handels- und Fabrikationsgesellschaften. Ende 1933 waren es mehr als 20 Gesellschaften.

Nach Oscars Tod 1923 führten seine Nachkommen und weitere Familienmitglieder das Unternehmen fort. Eine wichtige Rolle spielten insbesondere Georg und Martin Tietz sowie ihr Schwager Hugo Zwillenberg.

Die wirtschaftliche Krise und der nationalsozialistische Boykott

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 brachte auch die Hermann Tietz OHG in Schwierigkeiten. Besonders der Erwerb der Jandorf-Warenhäuser hatte den Schuldenstand erhöht.

Nach der Untersuchung der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte war das Unternehmen jedoch grundsätzlich in der Lage, die Folgen der Weltwirtschaftskrise eigenständig zu bewältigen.

Entscheidend für die weitere Entwicklung war die nationalsozialistische Machtübernahme am 30. Januar 1933.

Am 1. April 1933 organisierte die NSDAP einen Boykott jüdischer Geschäfte, darunter auch die Warenhäuser der Hermann Tietz OHG. Die wirtschaftlichen Folgen waren gravierend.

Umsatzeinbruch durch den Boykott 1933 laut Studie 40 %. Der Umsatzeinbruch führte zu erheblichen Liquiditätsproblemen, obwohl der Konzern bilanziell weiterhin gut dastand. Das Unternehmen benötigte zur Sicherung seiner Zahlungsfähigkeit einen Kredit in zweistelliger Millionenhöhe. Die Banken waren angesichts der politischen Situation nicht bereit, diesen Kredit für ein Unternehmen in jüdischem Eigentum bereitzustellen. Die Eigentümer gerieten dadurch unter erheblichen wirtschaftlichen und politischen Druck. Die Gewährung des benötigten Kredits wurde schließlich an das Ausscheiden der jüdischen Familie aus dem Unternehmen gebunden.

Die „Arisierung“ 1933–1934

Die nationalsozialistische Enteignung des Warenhausunternehmens erfolgte in mehreren Schritten.

Am 29. Juli 1933 wurde ein sogenannter Gleichschaltungsvertrag geschlossen.

Die Gläubigerbanken hatten dafür die Hertie Kaufhaus-Beteiligungs GmbH eingerichtet. Diese Gesellschaft übernahm die Stellung von Hugo Zwillenberg als persönlich haftendem Gesellschafter der bisherigen Hermann Tietz OHG.

Im Gegenzug erhielt das Unternehmen einen Kredit von 14,4 Millionen Reichsmark.

Die Banken sicherten sich damit maßgeblichen Einfluss. Georg Karg, der zuvor als Chefeinkäufer des Unternehmens gearbeitet hatte, wurde gemeinsam mit dem Bankenvertreter Trabart von der Tann Geschäftsführer der neuen Beteiligungsgesellschaft.

Die bisherige Hermann Tietz OHG firmierte nun als Hermann Tietz & Co.

Am 13. August 1934 folgte der zweite entscheidende Schritt: Georg und Martin Tietz wurden aus dem Unternehmen gedrängt. Ihre Beteiligungen gingen vollständig auf die Hertie Kaufhaus-Beteiligungs GmbH über.

Im Gegenzug wurden die Familienmitglieder von ihrer persönlichen Haftung für die Unternehmensschulden befreit. Ihnen wurde die Reichsfluchtsteuer erlassen; außerdem verblieben ihnen einzelne Immobilien und ein kleineres Unternehmen in Berlin.

Die Familie verlor jedoch große Teile ihres Unternehmensvermögens. Auch Betty Tietz, die Witwe des Firmengründers Oscar Tietz, musste ihren privaten Beteiligungsbesitz einbringen.

Ein Vermögensüberschuss von 15,5 Millionen Reichsmark ging dabei an die Gegenseite.

Ende 1934 übernahm die Hertie GmbH das Unternehmen vollständig. Ab 1935 wurde es unter dem Namen Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH fortgeführt.

Damit war die jüdische Eigentümerfamilie aus ihrem eigenen Unternehmen verdrängt worden.

Die Rolle von Georg Karg

Georg Karg war seit der Übernahme der Jandorf-Warenhäuser im Jahr 1926 für den Hermann-Tietz-Konzern tätig. Er arbeitete als Chefeinkäufer im Textilbereich.

1933 wurde er Geschäftsführer der neu gegründeten Hertie Kaufhaus-Beteiligungs GmbH. Obwohl die jüdischen Eigentümer das Unternehmen verloren, blieb Karg in seiner Führungsposition.

Die neuen Eigentümer waren zunächst die Gläubigerbanken. Georg Karg übernahm das Unternehmen also nicht unmittelbar von der Familie Tietz.

1937 erwarb er 51 Prozent der Gesellschaftsanteile von den Banken. Der Kaufpreis betrug die Hälfte des Nennwerts. Finanziert wurde der Erwerb durch einen Kredit der Dresdner Bank.

Durch den wirtschaftlichen Aufschwung des Unternehmens konnte Karg den Kredit zurückzahlen und weitere Anteile erwerben.

Im Juli 1940 war er schließlich Alleineigentümer der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH.

Flucht und Verfolgung der Familie Tietz

Die nationalsozialistische Verfolgung hatte weitreichende Folgen für die Familie Tietz.

Georg und Martin Tietz emigrierten 1937 gemeinsam mit ihren Familien zunächst in die Schweiz. Später gingen sie weiter nach Kuba beziehungsweise in die Vereinigten Staaten.

Hugo Zwillenberg wurde im Zusammenhang mit den Novemberpogromen 1938 zeitweise in einem Konzentrationslager inhaftiert. Anschließend gelang ihm mit seiner Frau und seinen Kindern die Flucht in die Niederlande. Dort entging die Familie 1943 nur knapp einer Deportation unter deutscher Besatzung.

Große Teile des in Deutschland verbliebenen Familienvermögens wurden durch nationalsozialistische Behörden geraubt.

Die Familie hatte damit sowohl ihre wirtschaftliche Existenz in Deutschland als auch große Teile ihres Besitzes verloren.

Restitution und Rückerstattung nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begannen Bemühungen, das entzogene Eigentum der Familie zurückzuerhalten.

Bereits 1948 wurden Rückerstattungsverhandlungen über das frühere Unternehmensvermögen aufgenommen. 1949 kam es zu einer Einigung zwischen Georg Karg und den Familien Tietz und Zwillenberg.

Der sogenannte Restitutionsvergleich sah vor, dass die Familien die Immobilien und Grundstücke der Warenhäuser in Karlsruhe, Stuttgart und München zurückerhielten. Gleichzeitig wurden diese Immobilien für 20 Jahre an Hertie verpachtet. Die Pachtzahlungen waren an den Umsatz gekoppelt und konnten bis zu 2,5 Prozent betragen.

Ursprünglich rechnete man mit Pachteinnahmen von bis zu 30 Millionen D-Mark über die vereinbarte Laufzeit. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Krieg fielen die tatsächlichen Zahlungen höher aus.

Diese Vereinbarung führte dazu, dass die Familien erneut wirtschaftlich mit dem Unternehmen verbunden waren, das ihnen während des Nationalsozialismus entzogen worden war.

Allerdings gab es später wiederholt Meinungsverschiedenheiten zwischen Georg Karg beziehungsweise Hertie und den Familien Tietz und Zwillenberg über die Einhaltung der Vereinbarungen.

Während der Familienzweig von Martin Tietz das Pachtabkommen um 15 Jahre verlängerte, ging der größte Teil des Immobilienvermögens 1970 endgültig in den Besitz der Hertie GmbH über.

Die Rückerstattung war somit ein komplexer Prozess aus Entschädigung, Immobilienrückgabe und langfristigen wirtschaftlichen Vereinbarungen.

Vom Warenhauskonzern zur Hertie-Stiftung
  • 1953 gründete Georg Karg die Karg’sche Familienstiftung. Ziel war es, das Unternehmen langfristig als Familienvermögen zu sichern.
  • Die Familie Karg brachte 97,5 Prozent der Gesellschaftsanteile der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH in diese Stiftung ein.
  • 1971 erhielt sie den Namen Hertie-Stiftung. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch eine privatnützige Stiftung.
  • 1974 wurde die Gemeinnützige Hertie-Stiftung zur Förderung von Wissenschaft, Erziehung, Volks- und Berufsbildung mit Sitz in Frankfurt am Main neu gegründet.
  • 1998 wurden die verbliebenen Unternehmensanteile an Quelle Schickedanz verkauft. Damit trennte sich die Hertie-Stiftung endgültig von dem Warenhausunternehmen, das Oscar Tietz 1882 gegründet hatte.

Die Geschichte der heutigen Gemeinnützigen Hertie-Stiftung ist somit unmittelbar mit dem früheren jüdischen Warenhausunternehmen Hermann Tietz und dessen nationalsozialistischer Enteignung verbunden.

Historische Aufarbeitung

Die Geschichte der nationalsozialistischen Enteignung des Hermann-Tietz-Konzerns wurde erst Jahrzehnte später umfassend wissenschaftlich untersucht.

  • Im Jahr 2020 beauftragte die Gemeinnützige Hertie-Stiftung die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte mit der Untersuchung der Verfolgung und Enteignung der Familie Tietz, der Unternehmensgeschichte während der NS-Zeit und der späteren Restitution.
  • Die Untersuchung wurde von Prof. Dr. Johannes Bähr und Prof. Dr. Ingo Köhler durchgeführt.
  • Im Dezember 2023 erschien die Studie unter dem Titel Verfolgt, „arisiert“, wiedergutgemacht? Wie aus dem Warenhauskonzern Tietz Hertie wurde.
  • Am 5. Dezember 2023 wurde sie im Jüdischen Museum Frankfurt im Beisein von Nachkommen der Familie Tietz vorgestellt.

Die Studie zeigt, wie nationalsozialistische Verfolgung, wirtschaftlicher Druck und Entscheidungen der Gläubigerbanken zur Verdrängung der jüdischen Eigentümer führten.

Sie macht außerdem deutlich, dass Georg Karg zwar nicht der unmittelbare Käufer des Unternehmens von der Familie Tietz war, aber letztlich der größte wirtschaftliche Nutznießer seiner Enteignung wurde.

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