Datum
01.01.1938
Beschreibung
Das Versandhaus Neckermann zählt zu den bekanntesten Unternehmen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Weniger bekannt ist, dass seine Entstehung eng mit der Verfolgung jüdischer Unternehmer während der NS-Zeit verbunden ist. Die Geschichte des Unternehmens zeigt beispielhaft, wie wirtschaftliche Enteignung, politische Verfolgung und persönliche Schicksale miteinander verknüpft waren.
Karl Amson Joel gründete 1928 gemeinsam mit seiner Frau Meta in Nürnberg die „Karl Joel Wäsche- und Hausratversand KG“. Das Unternehmen verfolgte ein damals modernes Konzept: Qualitativ hochwertige Wäsche und Textilien wurden direkt per Post an die Kunden versandt. Das Versandgeschäft entwickelte sich erfolgreich und wuchs schnell.
Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers verschlechterte sich die Situation für jüdische Unternehmer erheblich. Aufgrund zunehmender antisemitischer Anfeindungen und Boykottmaßnahmen verlegte Karl Joel den Hauptsitz seines Unternehmens 1934 von Nürnberg nach Berlin. Dort expandierte das Unternehmen weiter und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Versandhäuser Deutschlands. 1938 wurde sein Wert auf rund 11 Millionen Reichsmark geschätzt.
Gleichzeitig nahm der Druck auf die Familie Joel weiter zu. Der fränkische NS-Gauleiter Julius Streicher griff Karl Joel in seiner antisemitischen Hetzzeitung „Der Stürmer“ wiederholt an und bezeichnete ihn unter anderem als „Henker des deutschen Mittelstandes“. Die nationalsozialistische Politik zielte darauf ab, jüdische Unternehmer aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen.
1938 wurde Karl Joel im Zuge der sogenannten „Arisierung“ gezwungen, sein Unternehmen an das NSDAP-Mitglied Josef Neckermann zu verkaufen. Obwohl das Unternehmen einen Wert von rund 11 Millionen Reichsmark hatte, sollte Joel lediglich etwa 2,3 Millionen Reichsmark erhalten. Diese Summe wurde jedoch auf ein Treuhandkonto eingezahlt, auf das er keinen Zugriff hatte. Die Familie erhielt daher faktisch keinen finanziellen Anteil aus dem Verkauf.
Da das Leben für die Familie in Deutschland zunehmend unerträglich wurde, floh sie zunächst in die Schweiz. Über Frankreich, England und Kuba gelang schließlich die Flucht und Auswanderung in die USA.
Josef Neckermann baute das übernommene Unternehmen weiter aus. Bereits 1939 produzierte er gemeinsam mit dem Hertie-Chef Georg Karg Winteruniformen für die Wehrmacht und profitierte von umfangreichen staatlichen Aufträgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte Neckermann, Entschädigungsforderungen ehemaliger jüdischer Eigentümer abzuwehren. Wegen Verstößen gegen alliierte Bestimmungen wurde er von einem Militärgericht zu einem Jahr Arbeitslager verurteilt.
Am 1. April 1950 wurde das Unternehmen in Frankfurt am Main neu gegründet. Bereits 1951 durfte die Bezeichnung „Neckermann Versand KG“ wieder offiziell im Handelsregister geführt werden. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Neckermann zu einem Symbol des deutschen Wirtschaftswunders. Millionen Menschen bestellten Waren aus den bekannten Neckermann-Katalogen.
Karl Joel kämpfte nach dem Krieg jahrelang um eine angemessene Entschädigung für den Verlust seines Unternehmens. Erst 1959 endete ein langwieriger Rechtsstreit mit einer Vergleichszahlung von zwei Millionen D-Mark.
Die Geschichte des Versandhauses Neckermann erinnert daran, dass hinter bekannten Firmennamen oft persönliche Schicksale stehen. Sie zeigt, wie jüdische Familien durch Entrechtung, Enteignung und Vertreibung ihre Lebensgrundlage verloren, während andere auf den übernommenen Unternehmen, wie Neckermann, wirtschaftlichen Erfolg aufbauen konnten.
Orte
Quellen
https://www2.hu-berlin.de/djgb/public/en/pdf/company-42581
https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/eine-fraenkisch-juedische-geschichte/
Spiegel
